An die Stange gebracht

  /  17.10.2008

Was tun, wenn zwar genug kreatives Potenzial vorhanden ist, aber kein Ausstellungsraum? Hoffnungsfrohe Jungdesigner mieten eine Stange im ersten Stock des Hamburger Stilwerks. Hier liegt das Paradies der jungen Kreativen, die schon ein kleines Label haben, aber noch keine große Marke.

Das Konzept ist so einfach wie ergreifend. Im Shop Etage eins mieten Designer eine Stange, die sie bestücken, wie es ihnen gefällt. Shopbesitzer Freddy Mouchawrab bietet den Modellen Raum. Er kauft die Stücke nicht, er vermittelt sie. Für den Designer bedeutet das: Er hat kalkulierbare Kosten, einen guten Draht zum Shop, ein stilvolles Ambiente für seine Kollektionen, angenehme Kollektionsnachbarn und eine aufgeschlossene Laufkundschaft. Für den Kunden bedeutet die Etage eins, dass er auf Designer aufmerksam wird, die er sonst nur durch Zufall entdecken würde. Zudem zahlt er für die originellen Einzelstücke viel weniger, als wenn Provisions- oder Kommissionskosten den Verkaufspreis in die Höhe treiben würden. Die Designer, die in der Stiloase im Hamburger Hafen ausstellen, kennt der Erfinder des einzigartigen Shopkonzepts gut. Blind findet er zwischen den Stangen kombinierbare Einzelstücke und Accessoires, die ohne ihn nie zusammengekommen wären. Weil er an den Stücken selbst nicht verdient, steht der Shopbesitzer nicht unter Verkaufsdruck. Das macht das Einkaufen auffallend angenehm. Der sensible Käufer merkt den Unterschied sofort: Hier wird einem nichts angedreht, sondern eher noch etwas ausgeredet!

Und wie kommt ein frisch gebackenes Label an die begehrte Stange? Wer als Designer in den edlen Laden aufgenommen werden will, muss sich bewähren. Kommt ein Design in Frage, so durchläuft die Kollektion eine Art Probezeit. Nehmen die Kunden den neuen Designer an, darf er bleiben, wenn nicht, geht die Stange an den nächsten Anwärter. Zur Zeit sind Kollektionen von elf Designern vertreten: Hello, Vanitas, Garment, Menue, Creare, Annette Rufeger, FKK, Ginger Collage, Belén Recio, Volker Lang, Birte Henningsen. Die meisten Designer leben praktischerweise in Hamburg. Das hat seinen Grund: Freddy selbst ist überzeugt vom schlichten, klassischen Hamburger Stil: „Hamburger haben eine gewisse Eleganz und eine eigene Linie. Die müssen nicht wie die Berliner jeden Tag die Mode neu erfinden.“ Abgefahrene Trends findet der Experimentierfreudige hier deshalb nicht so häufig wie tragbare, originelle Schnitte, die länger halten als eine Saison.

Auch der interessanteste Designer kommt allerdings nicht in den Genuss des Shopkonzepts, wenn der Inhaber nicht mit den Produktionswegen des Labels einverstanden ist. Design alleine reicht eben nicht als Eintrittskarte in die Etage eins. Nachhaltigkeit ist Freddy genau so wichtig wie die Begabtenförderung. Und die muss auch auf sozialer, ökonomischer und ökologischer Ebene stimmen.

 

Etage eins

Große Elbstraße 68

22767 Hamburg

 

Öffnungszeiten

MO bis FR: 10 bis 19 Uhr

SA: 10 bis 18 Uhr

SO (Schautag): 13 bis 18 Uhr

 

Carola Dorner