Ein ganzer Kerl
/ 22.01.2008Spätestens mit Anfang dreißig merkt auch der Mann, dass sich in seinem Gesicht etwas geändert hat. Die Erkenntnis, die Frauen Jahre früher übermannt, trifft Männer später und mit größerer Wucht: Die verdammten Fältchen um die Augen verschwinden nicht mehr von selbst...





Panisch greift der Orientierungslose nach den verschiedenen Tiegeln seiner Freundin, um sie dann ratlos wieder zurückzustellen. Was es alles gibt! Welche Creme nehmen wir denn jetzt? Die für morgens, mittags, abends? Für die Augen, die T-Zone, eine schnelle Maske, ein Feuchtigkeitskick, eine getönte Tagescreme? Lasst es einfach, Jung! Das ist nichts für euch. Männerhaut braucht nämlich ganz andere Beauty-Helfer. Da haben unsere Cremes ja noch mal Glück gehabt.
Was ungerecht ist: All die kleinen Probleme, die der Kosmetikindustrie jährlich Milliarden in die Kassen spülen, kennen Männer lange nur vom Hörensagen. Falten zum Beispiel bekommen sie später und viel langsamer. Das liegt daran, dass ihre Haut dicker ist und mehr Collagen enthält. Sie kann Feuchtigkeit besser speichern und bleibt länger elastisch. Ist es dann doch so weit, kommen ihnen ausgeklügelte Formulierungen zur Hilfe: Die ersten Mimikfältchen heißen nicht „Falten“, sondern „Linien“, und sie machen nicht alt, sondern interessant. Wie bei George Clooney.
Immerhin müssen sich Männer beinahe täglich im Gesicht rasieren. Das ist zwar, verglichen mit dem Pflegeaufwand, den eine durchschnittlich eitle Frau täglich betreibt, immer noch lächerlich, aber dennoch kein Zuckerschlecken. Aggressive Klingen hinterlassen ihre Spuren, Rasierwässerchen brennen wie der Teufel und eingewachsene Haare werden zu fies entzündeten Pickeln. Hinzu kommen all die kleinen Makel, die eine schminkerfahrene Frau mit links und in fünf Minuten wegpinselt. Und die stellen den Mann plötzlich vor Anfängerprobleme. Oder doch nicht?
Was tun bei matter, fahler Haut, müden Augen und kleinen Abdeckproblemen? Oder, anders gefragt: Wenn die Pflege-Pflicht mit Rasur, After-Shave und einer Feuchtigkeitscreme getan ist, wie viel Kür ist effektiv, was ist übertrieben und was wird wirklich gemacht? Werbekampagnen, die den pflegebedürftigen Mann als kaufkräftigen Kunden entdeckt haben, bringen uns auf der Suche nach einer authentischen Aussage bei diesen Beautyproblemchen lebender Männer leider nicht sehr viel weiter. Ob Kerle Pflegemuffel sind, erfährt man am ehesten noch durch Umfragen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Die meisten der befragten berufstätigen mitteleitlen Vertreter des starken Geschlechts zwischen 20 und 30 sind versierter, als sie vorgeben. Wer mehr als ein Duschgel und eine Creme im Bad hat, ist Pflege- und Beautythemen meist durchaus aufgeschlossen. Ein Peeling pro Woche scheint zum Beispiel durchaus dazuzugehören. Das hilft gegen grauen Teint und lästige eingewachsene Härchen. Auch Augencremes mit Weichzeichnereffekt erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Warum auf einen kleinen Trick verzichten, wenn der Blick doch gleich wacher und kompetenter wirkt? Noch einer aus der Trickkiste: Ein kleiner Klecks Selbstbräuner ins Gesicht wird gerne als optischer Frische-Kick genutzt, wenn Referate oder Präsentationen anstehen. Wer sich über den Wildwuchs über den Augen ärgert, greift entweder selbst zu Schere und Pinzette oder überlässt das dem Friseur des Vertrauens, der – im Höchstmaß aller Gefühle – sogar ab und an die Wimpern dunkelbraun färben darf.
Und wie sieht es mit Schminke aus? Als Jean Paul Gaultier vor einigen Jahren seine Schminklinie „Tout beau tout propre“ für Männer lancierte, geisterte der metrosexuelle Mann zwar eine ganze Weile durch die Magazine, das Zeug zum Trend hatten Kajal und Lippenstift dann aber doch nicht. Vielleicht ganz gut so, denn ein wenig Platz auf dem Badezimmerregal und ein paar Schminkgeheimnisse wollen wir vielleicht doch lieber für uns behalten – oder?
