Farbe bekennen – gar nicht so einfach

  /  11.10.2007

Grau oder Bunt? Muss die Frau von Stil sich in diesem Herbst einzig und allein dieser Frage stellen? Nein. So einfach ist das nicht. Wer sich entscheidet, dem tristen Herbst in Grau entgegenzutreten, hat es vergleichsweise einfach. Schwieriger wird die Kleiderfrage für die farbenfrohe Trendsetterin.

Knallfarben sind eine ernste Angelegenheit. Quietschgelb, Limone, Kirschrot und Royalblau lassen nämlich keinerlei Kompromisse zu. Wer sich an diese eindrucksstärksten aller Farben wagt, beweist damit weniger revolutionäres Potenzial als Stil. Strengen Stil. Hier muss einfach alles passen. Und das bezieht sich auf den Gesamteindruck. Die kleinste Schlamperei wird zur unverzeihlichen Modesünde. Denn Knallfarben ziehen die Blicke magisch an – besonders die kritischen. Für das Make-up bedeutet das: Wer nicht von Natur aus den perfekten, ebenmäßigen, leicht gebräunten Teint mitbringt, hilft diskret nach. Denn Unreinheiten werden, begleitet von Neonorange oder Pink, zum echten Hingucker. Auch eine leicht getönte Tagescreme tut Not bei scharfen Kontrasten. Schnell wandert das limonengrüne Kostüm sonst wieder in den Schrank, wenn sich einfach jeder Freund verpflichtet fühlt zu fragen, wie es denn zu der kränklichen Gesichtsfarbe kommt. Ist der Teint grundiert, die Haartönung aufgefrischt und die Lieblingsfarbe gefunden, tastet sich die Neon-Debütantin vorsichtig an die neue Farbenlehre heran.

 

Anfänger üben am besten erst einmal mit Schuhen. Die setzen einen ersten Akzent und passen idealerweise auch schon zur Handtasche. Der nächste Schritt führt über ein knalliges Top unterm schwarzen Pullover zum Lagenlook. Das verträgt sich in der Regel noch prima mit dem Teint und lässt auch die Verzagte langsam auf den Geschmack kommen. Bald verlangt die geweckte Experimentierfreude nach mehr. Zum Beispiel Pulli, Rock oder Hose. Der Knalleffekt wird nun erst einmal zur sonst rein schwarzen Garderobe getragen. Der Kontrast bringt die Neonfarbe richtig zum Leuchten. Schwarz ist dann auch schon die absolut einzige Kombinationsmöglichkeit. Wer jetzt übermütig wird und Rot, Grün, Blau kombiniert, hat schnell den ganzen Eindruck verdorben. Denn alles, wirklich alles andere macht das Einzelteil zunichte. Die Folge ist das allgemeine Verblassen: Die Farben verwässern und der Teint nähert sich schnell der empfindlichen Grippe-Grenze. Merke: Rot, Pink, Türkis sind immer die Starbesetzung. Sie können nur die Hauptrolle spielen und stehlen sich gegenseitig zwangsläufig die Show. Wer farblich noch weitergehen will, wagt nun den Komplett-Look. Richtige Puristen tragen eine Farbe Ton in Ton von Kopf bis Fuß. Spätestens jetzt verlangt die hohe Farbkunst nach passenden Schuhen, Strumpfhosen und natürlich der richtigen Tasche. Also los zum großen Accessoires-Shoppen. Denn wer hat schon die apfelgrünen Pumps zum Kostüm?

 

So streng die Regeln beim Knallfarben-Purelook wirken, so lässig verhält es sich mit Mustern. Wer sich partout nicht für eine Farbe entscheiden kann, ist in der Mustergruppe genau richtig aufgehoben. Ob Pop-Art, Edel-Hippie oder 70er-Jahre-Tapete – erlaubt ist was gefällt. Bunte Ringel und pinke Leggings werden nach Herzenslust kombiniert. Und das Schöne daran: Teint und Frisur geraten weit weniger in die Kritik als bei Leuchtfarbenträgerinnen. Psychedelisch gemusterte Hängerchen lenken nämlich ungemein gut von Ungenauigkeiten ab. Dabei ist der Musterfan keineswegs weniger elegant als der Knallfarben-Purist. Ein Minikleid im Mondrian-Stil ist durchaus empfangs- und vernissagentauglich. Deshalb treffen beim Mix quer durch den Farbkasten auch Gegensätze aufeinander, die mit einem Mal gar nicht mehr so viel unterscheidet. Auch wenn Elegante eher zum grafischen Muster greifen und experimentierfreudige Alltagshelden zum Musterchaos

 

 

Carola Dorner