Accessoire mit Bodenhaftung

  /  04.02.2008

Wer gelegentlich einen Laptop, mehrere Bücher oder andere sperrige Gegenstände transportieren muss und trotzdem ein gewisses Maß an Eleganz bewahren möchte, befindet sich beim Taschenkauf in der Regel in der Zwickmühle – bis er die Kitchenfloorbag entdeckt. Endlich ein Begleiter, der nicht nur tragbar ist, sondern auch das Auge erfreut.

Große Beziehungen beginnen oft mit Irritation. Die Liebe zu einer Kitchenfloorbag ist so eine Beziehung. Ist es Holz, Granit oder vielleicht doch nur Plastik? Hingucken, umdrehen, zurückgehen, anfassen: ist Plastik. Genauer gesagt PVC, Verwandlungskünstler und ungeschlagener Meister im Spiel mit den Illusionen. Ein Material, das immer nur so tut, „als ob“, eigentlich aber etwas ganz anderes ist. Für den Träger bedeutet das: Ein Küchenboden am Arm ist nicht irgendeine Tasche...

 

Wer sich den Küchenbodenverschnitt um die Schulter hängt, ist auf der Suche nach dem Besonderen und nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Denn das Plastik-Parkett am Arm fällt auf und wird von Fremden nicht nur kommentiert, sondern bisweilen auch noch angefasst. Ein Satz, der dem Kitchenfloor-Fan irgendwann reichlich auf den Geist gehen wird, lautet etwa: „Das sieht ja aus wie bei meiner Oma auf dem Küchenboden.“ Genau! Denn dort kommt das Kunststück schließlich her. Auch wenn die praktische Plastikrolle von damals in den meisten Haushalten längst abgetragen wurde, damit der ungleich schönere Dielenboden wieder zum Vorschein kommt, ein kleines Denkmal haben die Böden unserer Kindheit doch verdient. In Form dieser Taschen haben sie es nun zu Recht bekommen.

 

Gesetzt hat dieses Denkmal der amerikanische Künstler und Architekt Sam Cooper. Aus seiner Faszination für die Pseudomaterialien und Muster der Plastikfußböden wurde ein ironisches Designerstück für den Alltag. Wie ihr in Berlin lebender Erfinder, so ist die Kitchenfloorbag immer ein wenig Grenzgänger, ein Objekt zwischen den Stühlen. Sie ist Alltagsgegenstand und Kunstwerk, verbindet 70er Jahre-Ästhetik mit modernem Design, ein wenig retro, ein wenig provokant und kleidet sowohl stilbewusste Frauen als auch Männer. Und das ist ein wirklich wichtiger Punkt: Denn wenn eine praktische und gleichzeitig schöne Frauentasche schon schwer zu finden ist – eine annehmbares Pendant für Männer ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Weil aber auch das starke Geschlecht gelegentlich etwas anderes mit sich herumtragen will als Rucksack oder Aktenköfferchen, bekommt es nun moderne Kunst um die Schulter.

 

Kitchenfloorbags gibt es in Museumsshops oder im Internet. Sie kosten zwischen 60 und 100 Euro und sind in vier verschiedenen Größen und 13 Bodenbelägen zu haben. Gefertigt werden sie übrigens nach dem Origami-Prinzip – sie werden also nicht geschnitten, sondern kommen am Stück und werden lediglich gefaltet. Das macht das ausgefallene Accessoire zu einer stabilen Einheit und lässt die Muster ohne nervige Unterbrechungen und Nahtstellen fließen. Ein Hingucker, der auch auf den zweiten Blick überzeugt.

 

 

Carola Dorner