Ich glaub, mich knutscht ein Pferd
/ 31.05.2007Familientradition verwoben mit bahnbrechenden Innovationen, gepaart mit wohlkonfektionierten Pants: Mustang hat bisher immer auf das richtige Pferd gesetzt. Das neue Museum führt mit 75 aufregenden Jahren Markengeschichte die Erfolgsreihe weiter.





Nee, nicht ins Museum, hab echt keinen Bock drauf! Museum klingt nach angeödeten Führern, Rentnergruppen, die ihre Nasen in angestaubte Exponate stecken. Nichts da! Es gibt interessante Kulturstätten, die jeden Museumsverweigerer umstimmen können. Eine von ihnen steht im baden-württembergischen Künzelsau. Ein Ort, der geschickt die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen lässt. Auf zwei Etagen des neu eröffneten Museum wird die Erfolgsgeschichte der Marke Mustang von ihren Anfängen bis heute detail- und variationsreich dokumentiert. Alte Nähmaschinen reihen sich neben moderne Flatscreens, die auf Zelluloid gebannte Momentaufnahmen von anno dazumal lebendig werden lassen. Räume, die erfüllt sind mit Informationen über das „blaue Gold“. Wer aber ist Mustang, wer steckt dahinter, und warum wird ihm ein ganzes Museum gewidmet? Ein kleiner Exkurs in die Mustangsche Firmengeschichte, bespickt mit Schnapshandel, Jeans für gesittete Damen und stylischen Außerirdischen soll Licht in die Sache bringen.
Die Zeitrechnung für die Firma Mustang begann am 2. Juli 1932. Die Unternehmergattin Luise Hermann gründete entgegen allen Konventionen ihrer Zeit, ausgerüstet mit sechs Nähmaschinen und sechs tüchtigen Näherinnen, einen eigenen Betrieb, weil die Holzfirma ihres Mannes in der Weltwirtschaftskrise unter Druck geriet. Die flinken Händchen der Arbeiterinnen und die der Chefin produzierten unermüdlich Arbeitsklamotten, von Overalls bis hin zum Dirndl. 1944 heiratete ein gewisser Albert Sefranek die Tochter des Hauses und stieg mit in den schwäbischen Familienbetrieb ein. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam der junge Sefranek auf die Idee, die Produktion mit amerikanischen Jeans zu erweitern. Seine Schwiegermama war jedoch anderer Meinung und wischte den für sie skandalösen Vorschlag mit „Die Karussellfahrerhose hat in einem ordentlichen Haushalt nichts zu suchen!“ einfach vom Tisch. Albert Sefranek jedoch gab nicht auf. Er hatte zuvor einen Auftrag zur Produktion von 300 amerikanischen Arbeitshosen an Land gezogen und brauchte nur die passenden Schnittmuster. Die konnte man aber zu dieser Zeit nicht in einem gewöhnlichen Tante Emma-Laden erstehen, sondern musste sich unter das Schwarzhandel-Volk mischen. Mit sechs Flaschen Hochprozentigem aus verwandtschaftlicher Herstellung unter dem Arm sollte Sefranek der Deal seines Lebens gelingen. Eines Nachts traf er in einer rauchgeschwängerten Spelunke, die von den GIs liebevoll „Bar“ bezeichnet wurde, einen amerikanischen Soldaten, der Muster beschaffen konnte. Einige Schnäpse später war man sich einig. Das Feuerwasser gegen sechs „Ami-Hosen“, God bless the good German „Schnaps“. Albert Sefranek trennte die Hosennähte auf und erhielt die gewünschten Schnittmuster. Als er seiner Schwiegermutter die Tauschware plus Auftrag vorsetzte, konnte auch die resolute Luise Hermann nicht widerstehen. 1949 betrat die „Röhrleshose“, die erste europäische Jeans, den Markt. Damit auch das weibliche Geschlecht in den Genuss der bisher verruchten Buxe kommen konnten, folgte 1953 eine Damenversion, getarnt als „Girls Campinghose“.
Ermutigt vom Erfolg, gründete Albert Sefranek 1958 die Marke „Mustang“. Der Name flog ihm beim Essen seines Sahneeises einfach zu. In den Sechziger Jahren streckte sich die Marke nach weiteren Innovationen aus: Die erste Stretchjeans Europas sowie Denimpants mit permanenter Bügelfalte stammen aus dem Hause Mustang. Einen Generationenwechsel und weitere Styles später erreichte die Marke unter Albert Sefranek und seinem Schwager Rolf Hermann die Seventies, in denen glänzende Satinhosen mit Schlag sowie weiterhin das blaue Wunder die Stilrichtung vorgeben. 1974 stieg Alberts Sohn Heiner in das Unternehmen ein, das sich Anfang des Jahrzehnts von der Herstellung von Workerwear verabschiedet hatte. Die Achtziger bestimmten Stone-Washed und Lizenz-Designerjeans für die Marke Joop. Während die ganze Welt im deprimierenden 90er Jahre-Grunge-Look versank, sorgten Mustang und der belgische Designer Walter van Beirendonck für eine außergewöhnliche X-Akte: W.&.L.T. Mit Hilfe des kleinen Spacemans PukPuk katapultierte Mustang die Gegenwart zurück in die Zukunft, in eine von Lifestyle erfüllte Welt. Heute ist Mustang mit dem aufbäumenden Pferdchen eine international bekannte Marke, die mit ihren Kollektionen und Lifestylekonzepten weiter in die Zukunft galoppieren.
Um die Dimension dieses ehemals kleinen Familienbetriebs zu verstehen, sollte man back to the roots, in Luises Wirkungsstätte zurückkehren und, in die fesselnde Mustang-Welt eintauchen. Das Museum bietet eine multimediale Zeitreise durch die Firmengeschichte. So findet man die Jeans-Prototypen wie die „Girls-Campinghose“ wieder, die von Plakaten, Illustrationen und Bildwänden gerahmt werden. Musikalisch geht es in einem Raum des Museum zu, in dem man sich durch Betreten von Bodenplatten eine eigene Melodie komponieren kann, die sich aus allen Dekaden der Unternehmensgeschichte zusammensetzt. Im Kino erwarten den Besucher Spots aus verschiedenen Epochen, die neuesten Mustang-Filme sowie Dokumentationen zum Thema Jeans, die er sich von bequemen Denim-Würfel visuell genehmigen kann. Und... aber warum hier noch groß beschreiben, die Pants strammgezogen und auf nach Künzelsau!
Mustang Museum
Austraße 10
74653 Künzelsau
Öffnungszeiten: Di-Sa : 10-18 Uhr, So: 13-18 Uhr
