Leben in der Grauzone

  /  02.11.2007

Spielte Grau bisher in der Tweed- und Strickjackensaison immer eine bedeutende Nebenrolle, so hat sie sich inzwischen zum Eleganz-Statement emanzipiert. Eigentlich komisch, dass die Beamtenfarbe so lange gebraucht hat, um den Büromief hinter sich zu lassen. Denn einmal anprobiert, offenbart sie ihre Vorzüge: Grau steht jedem und passt zu jeder Gelegenheit.

Früher schien es, als sei Grau die Lösung für Menschen, die sich nicht entscheiden können. Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Schwarz, nicht Weiß. Den Passepartout-Charakter hat die Unfarbe zwar immer noch, allerdings bedeutet „passt immer“ erstaunlicherweise nicht mehr „und eigentlich nie richtig“. Im Gegenteil: Grau scheint die perfekte Farbe zu sein für die vielbeschäftigte Frau von heute. Im Herkunftsort Büro fühlt sich Mausgrau bis Schiefergrau naturgemäß immer richtig an. Inzwischen kann die Business-Frau den Look allerdings auch auf der Afterwork-Party, in die Oper, zum Theater oder beim Treffen mit Freunden tragen, ohne ihren Herkunftsort zu verraten.

 

Erstaunlicherweise gelingt in Grau ein Spagat zwischen cool, lässig, ungemein seriös und immer chic genug. Und: Der Ton zwischen den Tönen erweist sich nicht nur als anpassungsfähig, was die Gelegenheiten betrifft, sondern auch als typübergreifender Teint-Schmeichler. Die Frau, der Grau gar nicht steht, gibt es nicht. Blaue Augen fangen an, wie Sterne zu leuchten, Grünäugige wirken geheimnisvoll und Brünette üben sich in der ehemaligen Mauerblümchenfarbe in vornehmer Zurückhaltung. Vielleicht liegt das Geheimnis der Farbe tatsächlich in der Kunst der Zurückhaltung. Sie zieht die Blicke nicht auf sich. Schwarz macht schlank, aber Grau auch nicht dick. Weder trägt es noch drängt es sich auf. So bleibt es der Stimmung und Situation überlassen, ob sich die Trägerin in die Tarnfarbe zurückzieht oder mit raffiniert platzierten Signalen die Blicke lenkt. Wie diese aussehen, ist dem unendlich breiten Handlungsspektrum der Grauzone überlassen: rote Lippen, Smokey Eyes, pinke Strumpfhosen. Alles kann, nichts muss. Grau wird mit Schwarz-Weiß zum Dandy-Look, passt aber auch zu allen erdenklichen Regenbogenfarben. Wer es lieblich mag, kombiniert’s mit Rosa zu einem pastelligen Weichzeichner. Beerenfarben wirken gerade im Herbst edel und gemütlich, Pink setzt ein wenig Experimentierfreude voraus. So richtig zu sich kommt Grau natürlich im Komplett-Look. Klassische Schnitte wie knielange Röcke, Marlenehose und Nadelstreifen gewinnen durch Grau-in-Grau an Chic und Originalität. Ideal passt der Look auch zu Miniröcken, weil blickdichte graue Strumpfhosen zwar nie zu sexy, aber irgendwie immer gut aussehen.

 

 

 

Auch was die Accessoires betrifft, offenbart sich Grau als echter Alleskönner. Perlen machen den Look edel, Jet-Steine verleihen ihm ein wenig 20er Jahre-Verruchtheit, Modeschmuck kennzeichnet die unkomplizierte, moderne Trägerin. Einziges Tabu: Gold. Denn treffen Gold und Grau aufeinander, verblasst jeder Glanz! Der Schmuck wirkt billig, protzig oder sonst wie unangebracht, und schon sieht das edle Grau schmuddelig aus. Silber hingegen setzt den Ton-in-Ton-Glanzpunkt auf den Look und steht ganz im Zeichen der edlen Zurückhaltung. Stille Wasser verraten eben niemals sofort, ob sie wirklich tief sind oder eben nur still...

 

 

Carola Dorner