Dear Mr. President

  /  15.05.2008

Kennt ihr diese Stringtangas, die aussehen, als kämen sie aus dem Kaugummi-Automaten? Preislich liegen sie auch fast in dieser Range und wenn sie dann noch bequem sind – was soll’s? Aber lass dich bloß nicht in so einem Ding irgendwo erwischen!

Die Geschichte meines Stringtangas! Er bestand aus fast nichts außer ein bisschen durchsichtigem grün-, lila- und türkis-getupftem Tüll mit furchtbaren kleinen Rüschenrändern dran. Ich hätte einen Teufel getan und ihn jemals freiwillig jemandem gezeigt, denn auch wenn er nicht teuer gewesen ist, sah er noch billiger aus, als er es letztlich war. Seinerzeit gab es niemanden, der ihn hätte zu Gesicht bekommen können – dachte ich. Getragen habe ich ihn nur zwei Mal. An einem der beiden Male sollte mich bei der Arbeit ein qualvoller unerträglicher Schmerz im Rücken überraschen, so dass ich gezwungen war, mich schnurstracks zum Orthopäden zu schleppen. Erst als ich schon schmerzverkrümmt vor ihm stand und er mich mit mitleidig verständnisvollem Blick bat, meine Kleider abzulegen, traf mich voller Schrecken die Erkenntnis, dass nun doch jemand den besagten String zu Gesicht bekommen würde. Da stand ich nun in meinem Bonbon-„Nichts“ mit hochrotem Kopf vor ihm und er hatte nicht nur freie Sicht auf meinen String sondern auch auf mein nahezu blankes Hinterteil.

 

Zwar hatte der Arzt mit ein paar Handgriffen meinen Rücken schnell wieder eingerenkt, jedoch bekam dieses Erlebnis einen Ehrenplatz in meiner Galerie der peinlichsten Situationen. Wer hätte gedacht, dass dieses Stückchen Unterbekleidung je noch einmal einen Zweck erfüllen würde? Doch nach all dem Erlebten schien er mir wie gemacht für eine seit letztem Herbst laufende PR-Kampagne des schwedischen Unterwäsche-Labels Björn Borg. Hier rief man nämlich unter dem Motto „Peace on Earth“ weltweit auf, alte Unterwäsche einzusenden. Diese sollte gesammelt werden, um sie anschließend einem Kriegstreiber als Zeichen der Missbilligung direkt vor die Haustür zu liefern. Wer der Empfänger der brisanten Waren sein würde, sollte zeitgleich auf der Website von Björn Borg via Abstimmung entschieden werden. Dass der US-amerikanische Präsident George W. Bush nun diese Wahl gewonnen hat, ist irgendwie keine Überraschung! Eine super Aufgabe also für meinen tollen Tüll-String. Und so hab ich ihn per Post nach Schweden bringen lassen. Er hätte mit Sicherheit auch in einen Mini-Briefumschlag gepasst, aber ich hab absichtlich einen ganz großen gepolsterten genommen - für den Überraschungseffekt beim Auspacken! 19.139 alte Slips sind hier in den letzten sechs Monaten zusammengekommen. Ich stelle mir vor, wie meiner unter all den anderen Stücken leuchtet und wie sie alle ihre Geschichten dazu austauschen. Und nun hat Björn Borg die Lieferung an George Bush getätigt. Gut, dazu ist es nicht wirklich gekommen, aber in einem sehr amüsanten Video auf YouTube und der Website des Labels kann man nun den Versuch der Lieferung beobachten. Letztlich hat man sich entschlossen, die heikle Ware auf einem Platz vor dem Weißen Haus aufzutürmen. Näher kam man einfach nicht ran... Aber welchen Genuss bereitet die Vorstellung, dass der Präsident vielleicht mit dem Fernglas heimlich aus dem Fenster geschaut haben könnte, nur um zu sehen, was dort geschieht. Und vielleicht hat er dabei meinen Kaugummi-Automaten-String erblickt. Noch viel besser ist aber, dass ich mir jetzt, da mein gutes Stück beim Präsidenten vor der Haustür liegt, vorstelle, dass ich stellvertretend für den armen Orthopäden nun Mr. Bush mein blankes Hinterteil entgegenstrecke!

 

Die Aktion geht übrigens weiter. Es wird weiterhin alte Unterwäsche in Schweden gesammelt, um sie einem weiteren Kriegstreiber zu liefern. Über den nächsten Empfänger wird bereits auf der Website abgestimmt.

 

 

Daphne Bruland