Nix im Schrank?

  /  21.11.2007

Manchmal fühlt sich nichts blöder an, als unpassende Kleidung, die eigentlich nicht schlecht, aber auch nicht gut genug ist. Irgendwie ist dann der Rock zu kurz, der Ausschnitt zu tief, die Hose zu eng, die Farbe ein Ausrutscher oder der Stoff etwas abgenutzt. Und schon sind Selbstbewusstsein und Ausstrahlung im Keller.

In einer solchen Situation wird eine Sehnsucht nach einem Stück wach, das all diese Probleme löst. Ein Rock etwa, der – morgens aus dem Schrank genommen – einfach sitzt, nicht zu lang, nicht zu kurz, ein wenig Raffinesse, aber nicht zu viel, ein schöner Stoff, der im Winter eben auch warm hält. Er begleitet uns erst durch den Büroalltag, zu Besprechungen, Terminen, dann zum Treffen mit Freunden, zu Essen, zum Ausgehen und wenn wir ihn irgendwann nachts müde wieder in den Schrank hängen, fühlen wir uns immer noch wohl. Dann wissen wir wieder, wie viel es wert ist, genau richtig angezogen zu sein. Anziehen, ein paar nette Komplimente einstreichen, mit Respekt behandelt werden und wohl fühlen.

 

Genau diesem Gefühl hat sich Designerin Barbara Gebhardt mit ihrem Berliner Label Nix verschrieben. Seit sie 1991 auf einer Newcomer-Messe mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, sieht sich das Label mit dem nihilistischen Namen im Dienst der tragbaren Wohlfühlmode. Damit ist nicht etwa die Gammel-Jogging-Klamotte gemeint, sondern der besondere und vor allem tragbare Chic der modernen Städterin. Diese Mode braucht die Stadt, und die Städterin wird schon bei der Anprobe merken, dass das Bedürfnis auf Gegenseitigkeit beruht. Die Stücke und vor allem die Accessoires sind nämlich perfekt auf den urbanen Gebrauch zugeschnitten. Stadt bedeutet hier allerdings in erster Linie Berlin. Mützen, deren Ausläufer sich über die Ohren zum Schal weiterentwickeln, schützen Kopf, Ohren und Hals vor dem sibirischen Steppenwind, der um die Häuser pfeift. Hier gilt es, sich gut einzuwickeln, zuzuknöpfen, einzupacken. Und das Packmaterial sieht nicht nur gut aus, es wärmt auch wirklich. Kord und Merinowolle setzen den lächerlich dünnen und rein synthetischen Materialien, die man in den Wintermonaten gerne mal findet, eine kuschelweiche Wärmeschicht entgegen. Auch die Farben der aktuellen Kollektion sind von der Stadtumgebung inspiriert: Asphalt, Straßen, trockene und nasse Pflastersteine, Schiefer. Grautöne in allen Schattierungen, mal gemustert, mal kariert, mal mit eingesetzten Nadelstreifenelementen. Dabei wahren auch die verspielteren Sachen den Purismus der Linie. Das macht Einzelstücke ausgesprochen kombinierbar. Zudem lässt sich fest jedes Stück in sich variieren. Das kann eine abknöpfbare Tasche sein, eine Kordblume oder eine Wickelfunktion. Während draußen in den Kaufhäusern die Taille mal hoch- und mal runterrutscht, kann die Nix-Trägerin selbst entscheiden, wo die Mitte sitzt und ob sie diese betonen möchte oder lieber auch mal nicht. So machen Bindebänder manches Kleid zum avantgardistischen Multifunktionskleidungsstück, das Trends mitmachen kann – aber nicht muss.

 

Das Label folgt also alles in allem einem Baukastenprinzip. Ein Einzelstück bleibt immer eine Variable, an der die Kundin mit- und weitergestaltet und bei Bedarf anbaut. Das Prinzip Baukasten spiegelt sich auch im Laden wider: Die Regale aus Well-Pappe wirken federleicht und sind doch stabil genug, um die Kollektionsteile zu tragen. Zugleich machen sie bei jeder neuen Kollektion einen schnellen Wechsel mit. Das ist zum einen sehr praktikabel, zum anderen ermöglicht es ein spannendes Spiel mit den räumlichen Möglichkeiten – und wiederholt das Strukturprinzip der Kollektion: experimentierfreudig und flexibel.

Kein Wunder also, dass die Kunden zu den Kreativ-Soliden gehören. Architekten, Professoren, Galeristen, Journalisten, Verlagsleute, Schauspieler. Was sie alle verbindet: Sie wollen sich abheben, aber nicht Stunden und Tage damit verbringen, durch Kaufhäuser und Ketten zu wühlen. Lieber schnell wissen, was es gibt, intensiv beraten werden und die Neuerwerbung am besten gleich anbehalten. Wer mit Knallfarben & Co. jeden Tag vehement alle Blicke auf sich ziehen will, wird sich bestimmt nicht lange in den Läden von Barbara Gebhard aufhalten. Bloße Fashion-Victims liegen dem Label fern, dafür aber glückliche Stammkunden am Herzen. Nix hat bestimmt nicht das Rad neu erfunden. Aber es zeigt uns, wie wir Lieblingsteile mit Wohlfühlgarantie immer neu entdecken können. Und schließlich wartet ja nicht jeden Tag der rote Teppich.

 

 

Carola Dorner

Links:
www.nix.de