Kurz und gut – was ist nur mit dem Minikleid passiert?

  /  23.10.2007

Bekennenden Minikleidfans müsste im Augenblick das Herz übergehen. Jedes Kleid hätte das Zeug zum Lieblingsstück. Wer in diesem Herbst ein kleines Schwarzes hingegen auch nur halbwegs traditionell mit Strumpfhose und angemessenem Absatz-Schuh trägt, findet sich Blicken ausgesetzt, die nur eins sagen: „Sie muss heute Morgen vergessen haben, sich was anzuziehen...“

Das Kleid, das seit Coco Chanel zur Ausstattung einer jeden Frau über 18 gehört, ist jenseits der Plakate und Laufstege auf einmal untragbar geworden. Sehgewohnheiten ändern sich. Und gelegentlich gibt es in der Mode fatale Wechselwirkungen. Manchmal ist das ein Glücksfall – manchmal nicht. Die Wahrheit ist greifbar und grausam: Das Minikleid ist gar kein Kleid mehr, sondern eine Tunika. Schuld daran ist die Leggin. Vor einem Jahr noch als 80er-Jahre Revival belächelt, schlich sie sich unter die Kleider und Röcke, bis sie dort nicht mehr wegzudenken war. Das hatte auch etwas Praktisches: Wer in diesem Sommer ein Kleid gekauft hatte, wäre entweder verzweifelt oder erfroren. So blieb zwar der Sommer eine Schande, aber dank Leggin wurde das Kleid nicht den Motten zum Fraß vorgeworfen. Was als Notlösung funktionierte, emanzipierte sich schnell zur salonfähigen Tragevariante. Es kam, wie es kommen musste – die Kleider passten sich an: Sie wurden immer kürzer, immer weiter, die Taille ging gänzlich verloren, was übrig blieb, war eine Tunika.

 

Und hier liegt das Problem. Wenn die Grenzen verwischen zwischen Tunika, Longpulli und Kleid, wie soll der kleine Mann auf der Straße dann wissen, dass die Minikleidpuristin eben nicht in Tunika ohne Unterteil auf die Straße gegangen ist, sondern im Kleid, dass nur der Strumpfhose bedarf? Was tun als Legginhasser? Alle Kleider zurück in die Kiste? Warten auf bessere Strumpfhosenzeiten? Den Strumpfhosen die Füße abschneiden? Strumpfhosen kaufen, so dick, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob Leggin oder nicht? Resignieren oder kombinieren? Und hier sollten wir der Leggin dankbar sein, denn das fußlose Beinkleid war nur der Vorreiter der Kleidermetamorphose.

 

Inzwischen darf hemmungslos alles wild durcheinander kombiniert werden. Kleider in A-Linie legen sich problemlos auf Röhrenjeans, weite Hosen oder andere Kleider. Das sieht für den Anfänger etwas skurril aus, hat aber auch sagenhafte Vorteile. Denn wann kann die Shoppingsüchtige schon mal alle Lieblingsteile auf einmal tragen? Also etwa Röhrenjeans, A-Linien-Kleid und Kurzarmjacke? Wer es nicht ganz so viellagig mag, probiert einfach nur Kleid über Hose. Daran hat sich das Auge längst gewöhnt. Der Look wärmt, wirkt praktisch, originell und tut vor allem der Kleidträgerin mit einem ungünstigen Taille-Hüfte-Verhältnis einen großen Gefallen. Das Tunika-Kleid setzt sich freundlich über jede Problemzone hinweg. Deshalb sollte sich auch in dieser Saison jede Frau glücklich schätzen, die mit einem Schwangerschaftsbauch eben nicht auf die Mama-Abteilungen angewiesen ist, sondern fröhlich ein Walle-Kleid nach dem anderen kaufen kann. Für alle Nichtschwangeren bedeutet das allerdings: Wer mit nett gemeinten Wann-isses-denn-soweit?-Fragen nicht klar kommt und auch nicht aussehen möchte wie Mia Farrow in „Rosemarys Baby“, sollte lieber Abstand nehmen von den bequemen Hängerchen.

 

Nichts rückt die Proportionen so gut ins rechte Licht wie das Minikleid. Allen Widerständen zum Trotz. Das figurbetonte kleine Schwarze braucht den Beistand der aufrechten Fans so dringend wie die Polkappen die Umweltschutzinitiativen. Ist das Minikleid erst einmal aus dem Straßenbild verschwunden, wird es schwer werden, ein strumpfhosenbedecktes Knie zu erklären. Also: Weg mit der Leggin, ran an die Strumpfhose und rauf mit dem Minikleid auf die rote Liste der bedrohten Kleidungsstücke!

 

 

Carola Dorner