Halbrunde Sache
/ 06.12.2007Wenn ich eine Tasche packe, muss da einiges rein: Lippenstift, Geldbeutel, Wasserflasche, iPod, Kalender und meistens noch ein Block. Und genau hier wird es schwierig. Die coolsten Taschen, die zur Zeit auf dem Markt sind, haben weder Ecken noch Kanten, sie hängen mondsichelförmig am Arm und stellen damit alles in Frage, an was wir so lange geglaubt haben.






Seit der Schulzeit sind wir auf das DIN-Format fixiert. Die Hefte in A4 oder A5 passten perfekt in den Schulranzen, später in die etwas hipperen Schulter-Taschen und schließlich sehen wir uns wieder mit Laptop-Taschen, die zwar nicht schön sind, aber genau das, was wir von einem Transportmittel erwarten, erfüllen: quadratisch, praktisch, gut. Und jetzt tauchen plötzlich diese Beutel auf... Wer schon einmal versucht hat, einen Block, ein Buch oder auch nur ein Stück Papier in einer Tasche ohne Ecken zu transportieren, der weiß: Vorzeigbar ist das Stück hinterher nicht mehr. Es passt sich nämlich seinem Transportobjekt an. Ein Taschenbuch geht rechteckig in die Tasche und kommt mit abgerundeten Kanten wieder heraus. Das mag nun wirklich nicht jeder.
Stellt sich die Frage: Warum werden die Taschen immer runder? Vielleicht, weil jedes dieser Accessoires sich dem gesunden Pragmatismus gekonnt entzieht? Es schreit förmlich: Ich bin nicht nützlich, sondern „nur“ wunderschön. So setzt gerade diese widersinnige Form ein ungemein befreiendes Zeichen. Gerade das Unpraktische verleiht den Modellen diesen reizenden Luxus-Charakter. Und dieses überaus angenehme Gefühl trägt eine Dame eben nicht von Montag bis Freitag zur Schau, sondern nur zu bestimmten Gelegenheiten. Das ergibt sich schon aus dem potenziellen Inhalt des Beutels: Da passt kein Laptop rein, kein Kalender, nicht einmal ein DIN-A4 Blatt, sondern nur das nötigste Ausgeh-Equipment, nämlich Haustürschlüssel, Lippenstift, Taschentücher, etwas Geld, vielleicht noch ein Stift – und das ist es auch schon. Immerhin ein wahrhaftiger Vorteil, der auch den größten Kritiker überzeugen sollte. Denn bestimmt jede dritte Handtaschenträgerin wird im Alter Haltungsschäden zu beklagen haben, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie grundsätzlich zwei Kilo zu viel mit sich durch den Großstadtdschungel schleppt. Möglich ist das vor allem in der alltagsfreundlichen Maxi-Tasche, die jede Beschränkung auf das Nötigste hinfällig macht und es der geschäftigen Frau von heute ermöglicht, ihren halben Hausstand über der Schulter mit sich herum zu tragen. Orthopädisch eine Katastrophe – und einfacher macht es das Überleben in der Stadt auch nicht! Wenn nämlich der Fall der Fälle eintrifft, also beispielsweise der Traummann auftaucht und eine Maxi-Taschen-Trägerin um ihre Telefonnummer bittet, begibt die sich erst einmal auf eine schwierige und langwierige Suche nach einem Stift. Wenn sie nach einer halben Stunde mit hochrotem Kopf aus dem Taschenlabyrinth wieder auftaucht, ist der Prinz freilich längst weg. Das würde der Besitzerin einer halbrunden Tasche nie passieren: Hier kann sich nämlich nichts in den Ecken verstecken. Alles Gesuchte sammelt sich ganz einfach am tiefsten Punkt der Kurve. Ein Griff und schon kann der Stift oder das Handy gezückt werden. Die Qualitäten eines so feinen Abendaccessoires liegen eben im Verborgenen!
