1st-blue hat in der Branche nachgefragt:
1. Wie stehen Sie zur Lockdown-Verlängerung bis zum 7. März 2021?
2. Was wünschen Sie sich von der Politik?
3. Haben Sie eine Idee für den Einzelhandel, um die Zeit der Pandemie besser bewältigen zu können? Oder gibt es seitens Ihrer Marke Hilfen für den Einzelhandel?
Kilian Kerner, Designer: „Die Verlängerung des Lockdowns verwundert mich nicht. Damit war meiner Meinung zu rechnen und zwar bereits an dem Tag, als das Datum 14. Februar, genannt wurde. Wieso man das nicht gleich so benannt hat, ist das, was ich nicht verstehe. Die Stimmung im Land wird dadurch sicher nicht besser. Wobei ich auch nachvollziehen kann, dass diese Verlängerung nötig ist. Den neuen Wert von 35 hingegen finde ich schwierig, wenn man monatelang von einem 50er Wert gesprochen hat. Da verliert man meiner Meinung nach Vertrauen. Was ich mir von der Politik wünschen würden, wäre mehr Offenheit.“
Erwin O. Licher, Inhaber, Herrlicher: „Noch nie in meinem Leben habe ich mir so viele Talkshows, Nachrichten und News angeschaut wie in den letzten zehn Monaten. Die Mediziner sehen alles anders als die Politiker; die Mediziner brauchen auch keine Wählerstimmen. Es gibt einen Weg dazwischen. Die Politiker haben Dienstwagen mit Chauffeur, dadurch sind sie immer weit weg vom Volk. Ich hätte mir einen kompletten Lockdown am Anfang gewünscht: Alle öffentlichen Verkehrsmittel stillgelegt mit einer totalen Ausgangsperre dazu. Das Ganze für zwei bis drei Wochen, gegen alle Gegner. Die ängstlichen politischen (Teil-)Lösungen haben uns ein Jahr beschert und dem Handel einen wirtschaftlichen Verlust, der nie mehr ausgeglichen werden kann und seinesgleichen sucht. Außer die Zeit ab Mai 1945.“
„Wir versuchen weiterhin zu helfen und hatten jetzt schon ein paar Mal eine gute Resonanz auf das folgende Angebot: Wir lagern vorgeorderte Ware bis zum Abruf kostenfrei ein. Aufgrund vermehrter Anfragen, die vorgeorderte Ware für die Saison Frühjahr/Sommer 2021 dennoch sofort auszuliefern, haben wir beschlossen, unseren Händlern diese Optionen ebenfalls anzubieten. Auf Wunsch oder Bedarf, die vorgeorderte Ware sofort auszuliefern, erhalten Händler zusätzlich einen ‚Herrlicher Impfstoff‘, das heißt, es gibt beispielsweise bei Zahlung per Bankeinzug innerhalb von 10 Tagen 9% Skonto, bei Zahlung per Überweisung innerhalb von 10 Tagen 7% Skonto und bei Zahlung innerhalb von 30 Tagen 4%.“
Kristina Schütze, Unternehmenssprecherin, und Simon Hoecker, Head of Marketing & Brand Communication, Gerry Weber: „Wir waren auf die Verlängerung des Lockdowns vorbereitet, auch wenn wir es uns natürlich anders gewünscht haben. Jetzt bereiten wir uns auf eine Öffnung in der ersten Märzhälfte vor, z.B. in dem wir für ausreichend medizinischer Masken sorgen etc. Wir fordern die Öffnung ab dem 8. März ganz klar, denn bis jetzt haben alle Untersuchungen ergeben, dass der Handel vor dem Hintergrund der getroffenen Hygienemaßnahmen nicht Treiber dieser Pandemie ist. Darüber hinaus versuchen wir, unsere Ware bis dahin so gut wie möglich mit digitalen Strategien an die Kund*in zu bringen: Personal Shopping, Verkaufsvideos und digitale Kollektionspräsentationen sind nur einige Beispiele. Klar ist: Keine digitale Strategie kann die stationären Umsatzverluste auffangen. Deshalb müssen auch der Einzelhandel bzw. die Modebranchen zeitnah adäquate Ausgleichszahlungen erhalten. Das Formular, um diese Hilfe zu beantragen, steht nun auch seit letzter Woche online bereit.
Wir bieten nach dem Lockdown und primär für die Phase ab Herbst 2021 große Werbekampagnen an, welche wir medial stattfinden lassen (Print, Online, Social Media). Unseren Händlern bieten wir hierbei diverse Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Entweder über ein Print-Mailing, digitalen Newsletter oder auch Social Media-Content.“
Hannes Wagner, Retail Country Manager Deutschland, Österreich, Finnland, Boardriders: „Hinter dieser Entscheidung steht eine klare Message. Deutschland geht den sicheren Weg im Vergleich zu anderen europäischen Staaten, die mit ihrer Strategie teilweise mehr Chaos als Klarheit schaffen. Alle beschweren sich immer über Konzeptlosigkeit, aber schaut mal, was unsere Nachbarn machen. Ich wünsche mir von der Politik, dass wirklich ALLE angekündigten Subventionen an die Unternehmen problemlos und so unbürokratisch wie möglich beantragt, bewilligt und ausgezahlt werden. Eine Idee, das Aussterben des Retails in den Innenstädten zu verhindern, wäre auch eine tolle Alternative.
Neue Wege finden und diese auch gemeinsam mit seinen Kunden gehen. Vorbereitet aus dem Lockdown zurückkommen und ab dem ersten Tag mit 120% Customer Service und einer durchdachten Strategie aus allen Rohren feuern. Ab der ersten Sekunde bereit sein, alles zu geben, um jeden Zweifel am Offline Business zu zerstreuen.“
Oliver Robens, Managing Director Europe, Craghoppers: „Die Verlängerung ist nicht zumutbar. Es gibt Hygienekonzepte, die der Handel gerne umsetzt, wenn er dies dürfte. Andere Einzelhändler wie Lebensmittel machen dies schon seit einem Jahr. Warum dürfen Friseure öffnen und der Handel nicht? Hier ist die Infektionsgefahr wesentlich höher. Es gibt keine sichtbare Strategie unserer Regierung und Null Planungsmöglichkeit für den Handel. Landkreise, die weniger von der Pandemie betroffen sind, sollten auf jeden Fall Lockerungen erfahren.
Wir können Aufschub bei den Warenlieferungen geben oder auch Produkttausch vorschlagen. Solange die Geschäfte geschlossen haben, hilft dies aber nur dem Onlinehandel.“
Jan Jassner, Inhaber und Geschäftsführer, Bruno Banani: „Natürlich halten wir die Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März 2021 für völlig unangemessen. Es war von Anfang an klar, dass weder Handel noch Gastronomie Pandemietreiber waren. Damit ist der ganze Lockdown unnötig und völlig unverhältnismäßig. Allerspätestens zum 1. März 2021 sollte alles wieder geöffnet werden unter Beibehaltung der bewährten Hygienemaßnahmen, in gleichem Umfang wie vor dem Lockdown. Die Politik sollte die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen eines Lockdowns besser bedenken und sich auf den direkten Schutz der Hochrisikogruppen konzentrieren. Dazu hatte man genügend Zeit. Das Einzige, was dem Handel übrig bleibt, sind Liefer- und Abholkonzepte, soweit sie erlaubt sind. Es gibt Hilfe, aber Ü3 kann erst seit kurzem überhaupt beantragt werden.“
Mario Stölck, Head of Sales, Rich & Royal: „Es gibt keine validierten Studien, dass die Ansteckungsgefahr in Einzelhandelsgeschäften höher ist als beispielsweise in Supermärkten. Die Existenz vieler Unternehmen entlang unserer Wertschöpfungskette steht auf dem Spiel und aufgrund einer sehr schwachen Lobby scheint die Bundesregierung dies als Kollateralschaden abzutun oder schlichtweg nicht wahrnehmen zu wollen. Ich wünsche mir von der Politik klare, verlässliche Aussagen, mit denen man planen kann. Sicherheitskonzepte, die wir gemeinsam umsetzen können. Warum dauert beispielsweise die Zulassung von Selbsttests so lange? Eine Orientierung an Konzepten, die in Nachbarländer bereits funktionieren, wäre wünschenswert. Kein Zaudern, sondern schnelles und konsequentes Handeln. Wenn man als Beispiels das Hilfspaket III nimmt - der erste Entwurf war derart weltfremd, dass er nicht brauchbar war. Der jetzige Entwurf ist selbst für versierte Steuerberater nicht einfach zu verstehen.
Wir reagieren individuell und bieten unterschiedliche Hilfen an, darunter eine Verschiebung der Liefertermine, Valuta, Rücknahmen mit Abschlägen auf den EK und Warentausch, aber auch in der Industrie sind die Mittel nicht endlos verfügbar. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen und gehen an unseren finanziellen Grenzen. Die Industrie- und Handelsverbände müssen den Druck auf die Regierung erhöhen. Alle Marktteilnehmer benötigen schnelle und unbürokratische Unterstützung. Wir haben in Deutschland (noch) eine tolle Handelslandschaft, schöne und interessante Innenstädte sowie Marken, die hervorragende Arbeit leisten. Wenn die Geschäfte nicht schnell wieder öffnen und wenn es keine ausreichende finanzielle Unterstützung gibt, wird der Markt künftig von Konzernen dominiert und dies werden nur zum Teil deutsche sein. Ob, wie und wo diese Unternehmen Steuern zahlen, wird sich zeigen.“
Joana Ganser, CEO & Head of Design, Shipsheip: „Wir halten eine Verlängerung des Lockdowns, hinsichtlich der unzureichenden Erkenntnisse zu den kursierenden Mutationen, für nachvollziehbar. Wirtschaftlich gesehen ist es mehr als frech, dass der Lockdown immer wieder verlängert wird, ohne das Perspektiven geschaffen und Hilfen ausgezahlt werden. Finanzielle Hilfen werden in dem Moment benötigt, wenn sämtliche Fixkosten weiterlaufen und Wareneinkäufe sowie Inventionen für eine Zeit nach den Schließungen getätigt werden müssen und Umsätze zu 80% ausbleiben. Laufende Kosten können nur bedingt gestundet werden und Mode ist ein saisonales Geschäft, wenn wir jetzt nicht einkaufen und in Marketingmaterial investieren, haben wir keine Ware/Werbemittel für den Sommer, um unsere gestundeten Rechnungen zu bezahlen. Wir wünschen uns eine Perspektive hinsichtlich einer Lockerung und der Zeit nach den Schließungen, sowie schnellere Auszahlungen der Überbrückungshilfen. Das Finanzamt arbeitet trotz Krise wie ein Uhrwerk, warum übernimmt es nicht das Procedere der Auszahlungen? Wie kann es in sein, dass Betriebe drei Monate auf ihre Gelder warten müssen?
In Bezug auf die Marke Shipsheip Holistic Fashion kann ich nur sagen, dass wir immer online waren und trotzdem nicht davon leben können, da sich größere Unternehmen den Onlinemarkt teilen und den Markt beherrschen. Zudem ist Bekleidung für mich kein Produkt, das sich online so gut verkaufen lässt wie zum Beispiel Schmuck und Drogerieartikel. Unseren Einzelhändlern versuchen wir alles Mögliche an digitalem Marketing-Material an die Hand zu geben, damit sie in diesen Zeiten Kontakt zu ihren Kunden halten können und genauso versuchen wir es mit unserem eigenen Slow Visons Store zu halten… Trotzdem sind alle Digitalisierungsmaßnahmen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“
Umfrage: Wie stehen Sie zur Lockdown-Verlängerung?
/ 15.02.20211st-blue hat in der Branche nachgefragt, wie Marken und Unternehmen zur Lockdown-Verlängerung bis zum 7. März stehen und wie sie damit umgehen. Die Antworten…

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