Fairtrade stellt seinen Textilstandard neu auf. Die internationale Fairtrade-Organisation entwickelt Sozial-, Umwelt- und Handelsstandards und lässt deren Einhaltung kontrollieren. Ab 1. September gilt der überarbeitete Fairtrade Textile Factory Standard.
Anders als bisher konzentriert sich der Standard nicht mehr auf die gesamte textile Lieferkette. Zertifiziert werden künftig Tier-1-Fabriken der Cut-Make-Trim-Stufe, also vor allem Nähereien. Fairtrade sieht dort den größten sozialen Hebel, weil in dieser Produktionsstufe besonders viele Menschen beschäftigt sind.
Hinter dem Umbau steckt zugleich ein praktisches Problem: Der bisherige Textilstandard fand nur begrenzt Anwendung. Fairtrade will die Anforderungen deshalb fokussieren und praxistauglicher machen, damit mehr Unternehmen das System nutzen können. Die Organisation nennt ausdrücklich eine größere Zahl teilnehmender Partner als Ziel.
Claudia Brück, Vorständin Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland, hatte bereits im Frühjahr angekündigt: „Wir werden hier mit unserem neuen Textilfabrik-Standard richtig Gas geben.“ Fairtrade will damit gerade in der Modebranche stärker Fuß fassen.
Gleichzeitig werden die Anforderungen bei den Löhnen konkreter. Beschäftigte in zertifizierten Fabriken sollen einen Grundlohn erhalten, der mindestens 55 Prozent des jeweiligen Living-Wage-Benchmarks oder zehn Prozent über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt. Zusätzlich kommt ein Living-Wage-Differential hinzu, das Marken für Fairtrade-Aufträge zahlen und das anteilig an die Beschäftigten weitergegeben wird.
Auch Marken werden stärker eingebunden. Sie müssen das Living-Wage-Differential mitfinanzieren und gemeinsam mit den Fabriken bei Beschwerden und Missständen auf Werksebene mitwirken. Anforderungen an menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten wurden ebenfalls fest im Standard verankert.
Für Marken, die bereits mit dem Fairtrade-Textilstandard arbeiten, bringt die Neufassung damit neue Pflichten. Fairtrade-Aufträge werden künftig nach dem neuen Fabrikstandard bewertet, gleichzeitig steigen die Anforderungen bei Löhnen, Beschwerdemechanismen und Zusammenarbeit mit den Produktionsbetrieben.
Der Umbau verfolgt damit zwei Ziele gleichzeitig: Der Standard soll leichter anwendbar und für mehr Unternehmen interessant werden, zugleich übernimmt die Marke konkretere Verantwortung dort, wo Fairtrade die größte soziale Wirkung erwartet.
Key Facts
Standard: Fairtrade Textile Factory Standard
Start: 1. September 2026
Bisheriger Ansatz: gesamte textile Lieferkette
Neuer Fokus: Tier-1-/Cut-Make-Trim-Fabriken, insbesondere Nähereien
Grundlohn: mindestens 55 Prozent des Living-Wage-Benchmarks oder zehn Prozent über gesetzlichem Mindestlohn
Neu: Living-Wage-Differential
Finanzierung: durch Marken bei Fairtrade-Aufträgen
Markenpflichten: stärkere Mitwirkung bei Löhnen, Beschwerden und Sorgfaltspflichten
Ziel: praxistauglicherer Standard und mehr teilnehmende Unternehmen
