Großbritannien zählt aktuell zu den fünf wichtigsten Handelspartnern von Deutschland – der Austritt aus der Europäischen Union, für den 51,9% der Briten, stimmen, schwächt laut HDE-Präsident Josef Sanktjohanser den europäischen Binnenmarkt. Auch könnte der Brexit die Aktivitäten deutscher Einzelhändler in UK erschweren. „Der Brexit zieht einen Vertrauensverlust in die Idee des gemeinsamen Binnenmarktes nach sich“, so der Handelspräsident, der ein Klima der Unsicherheit verbunden mit mehr Bürokratie erwartet. Er rechne damit, dass sich die Rahmenbedingungen für die Aktivitäten deutscher Einzelhändler in Großbritannien verschlechtern werden, zum Beispiel durch die Wiedereinführung von Zöllen oder Wechselkursschwankungen. „Mit dem Austritt Großbritanniens verliert die EU auch einen bedeutenden Mitstreiter für die konsequente Umsetzung der EU-Verträge“, erklärt er. Durch die Verschiebung des politischen Gleichgewichts in Richtung Süd- und Osteuropa steige nun die Gefahr weiterer Handelsbarrieren in diesen Ländern.
Jens Nagel, Hauptgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V., spricht von einer „Katastrophe“. „[…] Der folgende mindestens zweijährige Abnabelungsprozess wird nicht kurz und schmerzlos vonstatten gehen. Bereits die Neuverhandlung von Handelsabkommen wird schwierig und teuer für alle Parteien werden und ist mit einem hohen Aufwand verbunden, bei dem alle verlieren. Da die Loslösung ein bürokratischer Prozess ist, werden die wahren Effekte nicht sofort, sondern erst mittelfristig zu spüren sein. Es drohen neue technische Handelshemmnisse, unterschiedliche Normen und Standards und eventuell sogar neue Zölle. Auch die Vorschriften zum Umwelt- und Verbraucherschutz werden perspektivisch immer weiter auseinanderdriften, mit der Folge, dass neue, aufwendige Prüfpflichten auch auf deutsche Unternehmen zukommen, die Geschäfte mit Großbritannien machen. Mit Großbritannien verliert Deutschland zudem einen wertvollen Verbündeten innerhalb der EU für eine liberale Handelspolitik.“ Er hofft, dass kein „Flächenbrand“ entstehe und nicht weitere EU-Mitgliedstaaten nachziehen.
Auch Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie, ist sich sicher, dass das Referendum negative Auswirkungen für Europa haben wird. „Deutsche Investitionen in Großbritannien werden zurückgehen. Die Folgen des Referendums für unsere Branche lassen sich noch nicht vollständig absehen. Für die deutsche Textil- und Modeindustrie ist Großbritannien ein relevanter Markt. Unsere Unternehmen lieferten 2015 Produkte im Wert von rund 1,4 Mrd. Euro dorthin. Wir brauchen auf jeden Fall langfristig einen freien Warenaustausch zwischen der EU und Großbritannien. Die Politik und wir alle sind aufgerufen, Europa neu zu denken und den Bürgerinnen und Bürgern Europas die großartigen Vorteile der Europäischen Union zu verdeutlichen.“
Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverband Onlinehandel e.V., sagt: „Die Entscheidung der Briten zum Brexit ist natürlich zu akzeptieren, aber wir hätten uns klar die andere Variante gewünscht.“ Als Sofortmaßnahme empfiehlt der BVOH allen Händlern, umgehend die Preise und Kosten in Verträgen anhand der Wechselkurse zu prüfen und anzupassen. Kurzfristig erwartet der BVOH eine Verunsicherung der Verbraucher in UK, zum Thema Arbeitsplatzsicherheit und nicht zuletzt auch zur eigenen Kaufkraft. Durch die zu erwartende Abwertung des Pfunds – wahrscheinlich stärker als der des Euro – wird die Kaufkraft der Briten sinken, was auch zu einem Rückgang des grenzüberschreitenden Handels nach UK führen könnte. Es bedeutet aber im Besonderen, dass die Preise im grenzüberschreitenden Handel angepasst werden müssen. Auch die EU könne sich künftig schlecht auf andere – gerade für den Onlinehandel wichtige Themen – konzentrieren, etwa die Bekämpfung von Hersteller- und Vertriebsbeschränkungen. „Die Folgen des Brexits können aber auch positiv sein, zumindest für die Verbraucherinnen und Verbraucher, denn für sie kann es nun günstiger sein, in UK einzukaufen, was allerdings wieder Kaufkraft aus Deutschland abzieht. Der Brexit bleibt ein zweischneidiges Schwert“, so Prothmann.
„Es gab eine ernorme Unterstützung seitens unserer Designer, in der EU zu bleiben, und sie sind zweifelsohne schockiert und resigniert durch das Ergebnis“, erklärt auch Caroline Rush, CEO des British Fashion Council.
