Made in „who cares“

  /  05.06.2014

Deutschland sieht ab dem 12. Juni 2014 nur noch durch die Schwarz/Rot/Goldene Brille – unwichtig, wo unsere Fantrikots produziert wurden. Irritierend, findet Lara Schotten…

Nach vier harten Jahren, die Schmach des dritten Platzes noch immer verwindend, erstrahlt der Planet Erde in neuem Fußballglanz: Die Welt bekennt Farbe und zwar jede Nation für sich, alle für einen, einer für alle. Zumindest die, die sich für das diesjährige Event der Fifa Weltmeisterschaft in Brasilien qualifiziert haben. Auf den Straßen, in den Kneipen, vor den Leinwänden herrscht nunmehr nicht die Frage „Was/wen trage ich?“, als nahezu einzige Bekleidungsvariante präsentiert sich das eigene Nationaltrikot. Hinzu kommt jede Menge unnützer Schnickschnack, bestehend aus in China hergestellten Kopfbedeckungen, in Indien gefertigtem musikalischen Zubehör sowie Flaggen, Fahnen und Wimpeln. Das textile Pendant kommt – wie so vieles – direkt aus den Fabriken in Bangladesch. Laut Bangladesh Knitwear Manufacturers and Exporters Association (BKMEA) haben die bisher erteilten Aufträge zur Herstellung von Fan-Kits einen Wert von einer halben Milliarde Dollar, der Gesamtumsatz könne sich laut Verbandspräsident Mohammad Hamet sogar auf eine ganze Milliarde belaufen. Mit dem Drang der Zur-Schau-Stellung nationalen Stolzes kurbeln Fußball/WM-Gucker die Textilindustrie in Bangladesch gehörig an, denn für das Ende Juni auslaufende Geschäftsjahr erwartet man dort Ausfuhren mit einem Gesamtwert in Höhe von 25 Mrd. Dollar (+3 Mrd. im Vergleich zum Vorjahreszeitraum). Man könnte fast sagen, globale Veranstaltungen, die textilen Handlungsbedarf fordern, seien gut fürs Geschäft. Und für die Doppelmoral. Insbesondere für die Modeindustrie fernab der südasiatischen Region. Profit dank Nationalstolz, fair erwirtschaftet oder nicht, wird im Angesicht des Fußballgottes unwichtig. Das wird erst wieder Thema im Jenseits, im „Danach“.

So liegt der weltweite Fashion-Fokus zunächst auf den darüber generierten Umsätzen in Milliardenhöhe. Dass die widrigen Produktionsbedingungen herkömmlicher Alltagsbekleidung in Bangladesch bis vor kurzem auf das Schärfste kritisiert wurden, scheint aktuell niemanden groß zu kümmern. WM-Ausnahmezustand! Auch beim Thema nachhaltige Konzepte macht das Gros Abstriche: Ein Trikot muss schließlich aktuell sein, darf keine veralteten Spielernamen tragen, sich erst recht nicht in überholtem Design präsentieren. Fanartikel in Form von Tröten, Trommeln, Tellerhüten überstehen den 32-tägigen Jubel ohnehin eher selten. Und nicht alles, was bereits produziert wurde, darf anschließend unzensiert in den Handel. So wurde Adidas von den brasilianischen Behörden angehalten, Shirts mit mehrdeutigen Motiven vom Markt zu nehmen. Das tut allerdings niemandem mehr weh: Die Bangladescher haben es bereits gegen (unterirdische) Bezahlung gefertigt, die Exporteure es verschifft und der Herzogenauracher Konzern hat die Ausstattungslizenz für neun der 32 im Rahmen des 19. Fifa World Cups antretenden Nationalmannschaften in der Hinterhand. Und die ihrer Fans, versteht sich!

Aber was ist plötzlich mit den Nachhaltigkeitsförderern, Umweltschützern und Arbeiterverbänden geschehen? Im Trötenlärm verstummt? Heiser der eigenen Fangesänge? Auch den ab April dieses Jahres geforderten Fabrikschließungen, die nach den Unglücken im vergangenen Jahr eingeleitet wurden, haben die dortigen Behörden Einhalt geboten. Widerstandslos. Böse Zungen munkeln: „Was für ein Timing“, wo doch die Schließung einer Textilfabrik in Bangladesch auch den Export- und ergo den globalen Trikotverkaufsstopp zur Folge hätte. Wie viele Weltenbürger gingen anstelle für faire Löhne wohl für die Produktion eines Trikots auf die Straße – getrieben von Fußballleidenschaft, Frust oder FANatismus? Wir alle wollen Farbe bekennen? Flagge zeigen? Jene fair produzierte hissen wir für 32 Tage gleichwohl nicht!

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