Dominica sancta – leider geöffnet!

  /  03.03.2015

Der HDE fordert zusätzliche verkaufsoffene Sonntage. Die Gründe: strittig. Die Reaktion: verhalten. Der Ansatz: kurzsichtig, findet Lara Schotten…

Herr, schenke uns die Möglichkeit, unserer konsumorientierten Lasterhaftigkeit auch am geheiligten Sonntag frönen zu können. Wir bitten dich, erhöre uns!

Herr, gebe uns die Kraft, eine Sieben-Tage-Woche zu überstehen; sodass wir statt kultureller Veranstaltungen weitere Schnäppchenangebote wahrnehmen können! Wir bitten dich, erhöre uns!

Herr, führe uns in Versuchung, die Wirtschaft allein um der Wirtschaft willen ankurbeln zu können. Wir bitten dich, erhöre uns!

Nicht ganz so pathetisch, wenn auch nicht weniger nachdrücklich, bittet der Handelsverband Deutschland (HDE) derweil für zusätzliche verkaufsoffene Sonntage im Einzelhandel. Für „eine erhöhte Chancengleichheit“ zwischen den Verkaufskanälen Online und Offline. Für die Stärkung des stationären Handels. Für die Reinkarnation der Innenstädte sowie „liberale Ladenöffnungszeiten“. Nicht per definitionem das „freiheitsliebende“ liberal; auch ist nicht zwangsweise das „großzügig“ liberal gemeint, „fortschrittlich“ liberal trifft es aus Sicht des HDE eher, „duldsam“ liberal aus der des involvierten Verkaufspersonals. Schließlich galt der Sonntag unter Kaiser Wilhelm II einmal als „gesetzlich geschützt“, laut Weimarer Reichverfassung 1919 als „Tag der Arbeitsruhe“ und ist in dieser Funktion seit 1949 Teil des aktuellen Grundgesetzes. 

Als das große Kulturgut, wie Kardinal Marx den siebten Tag der Woche – an dem sich angeblich sogar unser Herrgott ein Päuschen im Schöpfungsakt gegönnt hatte – betitelt, müsse man ihn bewahren, viel zu oft – und gern – ordneten wir Menschen die Gestaltung unseres Lebens schließlich der Wirtschaft unter. Stellt sich die Frage: Ist es notwenig, dies auch an einem Sonntag zu tun? Freizeitgestaltung: Shopping statt Museum? Familientradition: Spielwarenladen-Hopping statt Spielenachmittag? Im Laufe der Industrialisierung ist der Tag, an dem einst geruht, der nach Genesis 2,3 „heilig“ gehalten werden sollte, als arbeitsfreie Periode immer unwichtiger geworden. Ich selbst bin kein Kirchenfreund – Ablassbrief 1 für diese Sünde kaufe ich Sonntag –, auch habe ich die Bibel lediglich zu Recherchezwecken gelesen (2), muss allerdings feststellen, die Ecclesia hat mit der Idee des „Mensch im Mittelpunkt“- statt „Konsum im Fokus“-Tages durchaus gerechtfertigte Argumente vorzubringen. Und war nicht für Shopping-Sünder (3) dieses Online-Einkaufserlebnis mit wahnsinnig liberalen Öffnungszeiten erschaffen worden?

Im Gespräch mit einer Handelsexpertin von Ver.di wurde recht schnell deutlich: Auch die Gewerkschaft lehnt die Ausweitung der Sonntagsöffnungszeiten rigoros ab. Damit allein könne der Konkurrenzkampf gegen den Onlinehandel nicht gewonnen werden, gleichzeitig bedeuteten zusätzliche Öffnungszeiten nicht simultan ein Umsatzwachstum, erzeugten jedoch zunehmenden Druck auf das Personal, das sich seinerseits unter Zugzwang gesetzt sieht. Der Anspruch an Flexibilität, das Einstellen geringfügig Beschäftigter, prekäre Arbeitsbedingungen, vom Thema Mindestlohn ganz zu Schweigen – aus wirtschaftlicher Sicht kein aus Wasser wird Wein, sondern vielmehr das Heraufbeschwören der Sieben Plagen. 

Wie soll so ein Sonntag also aussehen, damit die deutsche Wirtschaft mit vollen Taschen über das Wasser gehen kann? Verlangt man den Einsatz freiwilliger Arbeitskräfte oder aber wird man Auszubildende in die Sonntagsschicht packen, um an zusätzlichen Personalkosten zu sparen? Womit will man die virtuellen Bequemlichkeits-Shopper aus ihrer Shopping-Parallelwelt zurück in die reale locken und was, wenn es dank der Sonntagsarbeit bald im Handel eine Analogie zur Säkularisierung gibt? Von 95 Thesen seien vier genannt: Leere Gänge, genervtes Personal, Tadel an den Umständen und dann nicht einmal mehr ein freier Tag, an dem man sich davon erholen kann – beste Vorrausetzungen für eine Reformation! Immerhin war der Ablass in Martin Luthers Augen auch „ein gutes Geschäft“ – jedoch ohne jedwede Wirkungskraft. Zurück in die Zukunft: Das Interesse an der neuen Regelung basiert eindeutig auf wirtschaftlichen Business-, nicht jedoch auf Konfessionsaspekten. Den Ökonomie-Motor um jeden Preis ankurbeln zu wollen, könnte nach aktueller Herangehensweise jedoch schnell zu einer Kirchturmpolitik avancieren. 

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