Diagnose: Kathisophobie?

  /  26.03.2014

Offenbar leiden die Modemessen aktuell an Kathisphobie (= Angst vor dem Stillsitzen). Wie sonst ließe sich der derzeitige Unruhezustand erklären? Eine Anamnese von Lara Schotten…

Über den Gemütszustand einer deutschen Fashion-Messelandschaft lässt sich anhand der Verhaltensauffälligkeiten im Augenblick folgendes mit Sicherheit sagen: Sie leidet nicht unter Decidophobie (= Angst, Entscheidungen zu treffen). Eine ausgeprägte Hamartophobie (= Angst, nicht korrekt gehandelt zu haben) lässt sich bis dato jedoch noch nicht ausschließen. Betrachtet man die Patienten, sprich die Messeveranstalter, so wird man derzeit den Eindruck nicht los, dass eine Art Fieber, ein Veränderungswahn, sie gepackt hat. Die Medien vermelden in regelmäßigen Abständen einschneidende Veränderungen rund um die Berliner, Münchener und Düsseldorfer Veranstaltungen. Gerüchte machen die Runde, ambitionierte Pläne und Visionen werden in den Raum gestellt – und wieder verworfen. Da erscheint die Meldung über einen Umzug von einer Veranstaltungs-Location in eine andere – zumindest dem Berliner Unabhängigkeitsgedanken folgend – noch die unspektakulärste zu sein. Bis jetzt.

So zieht die Panorama vom wohl nie fertig werdenden Flughafen Schönefeld auf das Messegelände der Messe Berlin am Funkturm; die Bright erst in die Alte Münze, dann ins Warenhaus Jandorf; The Gallery Berlin vom Café Moskau in die Operwerkstätten, The Green Showroom vom Adlon ins Kronprinzenpalais und wieder zurück. Symptom: Rastlosigkeit. Neufindung. Vergrößerungswunsch.

Von Saison zu Saison werden die Pläne immer umfassender, die brancheninternen Hintergründe immer drängender, die Entscheidungen immer einschneidender. Wie ließe sich sonst beispielsweise die Vision einer B2C-Öffnung der Bread & Butter erklären? Der Wunsch nach einer deutlichen Veränderung ist greifbar und der Druck auf die Veranstalter, die Exhibitions in einem attraktiven Rahmen auszurichten, stetig größer. Karl-Heinz Müller gilt als Vordenker und als eben jener versucht auch er, der Berliner Fashion-Messelandschaft ein neues Gesicht zu verleihen, den Umstrukturierungen beizukommen.

Und bevor die umtriebige Welt der Mode nach all den strukturellen und vor allem strategischen Modifikationen in die dringend benötigte Rehabilitationsphase eintreten kann, will sie ihre DNA offenbar lieber noch ein stückweit mehr verändern. Epidemisch greift das Verlangen nach Umbruch auf weitere Teile des Landes über: So zieht sich die Premium aus Düsseldorf zurück, um den Standort München zu stärken und verbündet sich dort mit der Munich Fabric Start, The Gallery Berlin, um selbiges am Standort Düsseldorf zu tun – in Verbindung mit der Kiko-Exhibtion The Little Gallery. Und zu guter Letzt mischt sich auch noch die Politik in Person der neuen Berliner Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, ein und fordert den Umzug des Mercedes-Benz Fashion Week Zeltes. Dieses sei einem Standort wie dem des Brandenburger Tors „unwürdig“.

Folglich muss die Messelandschaft nicht nur die selbst verschriebene Medikation verwerten, sondern auch noch von externer Seite verordnete Pillen schlucken. Wie lange die Behandlung den erhofften Erfolg bringt, ohne dass der Patient dabei groß Schaden nimmt, bleibt abzuwarten – sprich: Wie viele Veränderungen die Messelandschaft noch verträgt, ohne in einen Zustand der Bradykardie (= sehr langsame Pulsfrequenz) zu verfallen. Vieler, lautet die abschließende Diagnose, bedarf es im schlimmsten Fall wohl nicht mehr. Im Sinne des Patienten bleibt dann nur zu hoffen, dass er eines nicht entwickelt: Kenophobie. Dabei handelt es sich nämlich um die Angst vor großen, leeren Räumen.

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