Business as usual

  /  04.10.2013

Schnell wurden Unternehmen bezüglich der Probleme in Bangladesch an den Pranger gestellt, Pläne entworfen, Abkommen signiert, Entschädigungen versprochen – und heraus kam im Grunde nichts. Warum auf große Worte keine großen Taten folgten? Ein Kommentar von Lara Schotten…

Nach den Katastrophen in den bangladeschischen und kambodschanischen Produktionsstätten Rana Plaza und Tazreen Fashion geriet die Textilindustrie unter heftigen Beschuss. Themen wie Mindestlohn und sittenwidrige Arbeitsbedingungen sind in aller Munde. Schuldige werden gesucht und teilweise sogar gefunden. Die Welt schreit auf, verurteilt, schmiedet Pläne, um nun – so scheint es jedenfalls – wieder zu verstummen. Im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen Unternehmen, die unter widrigen Bedingungen und für eine unterirdische Entlohnung Textilien in Niedriglohnländern produzieren lassen. Darunter Konzerne wie Adidas und Puma, Vertikale wie Zara, C&A, H&M und Primark, aber auch Marc O’Polo, Hugo Boss und Bogner. Schnell wurde sich die Öffentlichkeit in der Gretchenfrage einig, denn schließlich sind nicht die Konsumenten „Schuld“ an der ganzen Misere, sondern doch wohl bitte diejenigen, die dort produzieren lassen. Dabei hatte man fast das Gefühl, dies sei der erste Fabrikbrand/-einsturz gewesen, Bangladesch und Kambodscha die einzigen Länder, in denen Arbeitnehmer ohne Rechte, Absicherungen oder ausreichenden Lohn schuften. Auf teilweise voyeuristische Weise wurde der Welt präsentiert, was zuvor, um es in aller Deutlichkeit zu sagen, doch die meisten nur peripher tangierte – wenn überhaupt. Weshalb musste man also offenbar genau jetzt ein Exempel statuieren? Was folgte, war eine Woge der Empörung, aber – so schien es jedenfalls – auch des Aktivismus. Schnell war klar: Es musste etwas passieren, bei dem „was“ war man sich nur nicht einig.

So wurde zeitgleich an vielen Baustellen gearbeitet – der so dringlich erhoffte und nahezu in utopischem Maß erwartete „Sofort-Erfolg“ blieb jedoch aus. Niemand kann sich anmaßen, die Produktionskette eines Unternehmens innerhalb kürzester Zeit von Grund auf umzukrempeln – so gern dies von der Gegenseite auch gesehen werden würde –, seit Jahren festgelegte Löhne von jetzt auf gleich anzuheben oder gar die Produktion vor Ort gänzlich einzustellen. Deshalb sind es die kleinen Schritte, die umso entscheidender sein sollten. Aus diesem Grund demonstrierten die Arbeiter zwar für die wirklich grundlegenden Verbesserungen, Gewerkschaftler und Menschenrechtler baten jedoch um direkte Hilfe für die Hinterbliebenen, da diese in den meisten Fällen den Haupternährer der Familie verloren hatten und nun um ihre Existenz bangen mussten. Diese so genannten Entschädigungszahlungen sind objektiv betrachtet kein Muss, sondern eine rein freiwillige Handlung. Subjektiv betrachtet, lag die Befürchtung in der Luft, dass man die Hilfeleistung nicht als solche erkennen, sondern vielleicht sogar als Schuldeingeständnis deuten könnte. Wer nicht zahlt, der hat dort auch nicht produziert; wer es tut, der zahlt eine Art Blutgeld. Ganz so Schwarz/Weiß ist die Welt nicht, das Thema um einiges vielschichtiger, aber verlangt es nicht allein das ethische Verständnis, dass Hersteller, die dort Fertigungsbetriebe unterhalten, zumindest anteilig monetäre Aufwendungen für die Betroffenen bereitstellen?

Für den ersten Schritt, der fernab von der Thematik Schuld und Sühne getan werden sollte, hatte man in Genf ein Treffen derer einberufen, die bereits in erster Instanz das Gebäudeschutz- und Sicherheitsabkommen unterzeichnet hatten. 31 an der Zahl! Was im Einzelnen von den Unternehmen, von denen ein Gros nicht erschienen war, gefordert wurde, hat wie alles rund um dieses Thema mindestens zwei, womöglich aber noch mehr Seiten. An die Öffentlichkeit drang jedoch die Information, dass es sich – bevor grundlegende Veränderungen in Angriff genommen werden sollten – ausschließlich um dringliche Einmalzahlungen in Höhe von 37 Mio. US-Dollar (im Falle von Rana Plaza) und 2,9 Mio. US-Dollar (im Falle von Tazreen Fashion) drehte. Ungeachtet dessen, ob es aus Unternehmersicht meine Labels sind, die in eben diesen Fabriken in Hosen, Blusen oder Pullover genäht werden, so spare ich doch erhebliche Kosten, genau weil ich es in diesen Ländern für genau diese Entlohnung tue. Daher erscheint mir persönlich die Bitte um ein wenig Hilfe für das drittwichtigste Importland für den deutschen Einzelhandel doch von geringem Aufwand in Anbetracht der Umstände.

Es stellt sich rückblickend die Frage: Was hat sich nach den Vorkommnissen in Bangladesch, die medial als eine Art 11. September-Remake ausgeschlachtet wurden, effektiv für die Modeindustrie verändert? Verlagert man die Produktion in andere Billiglohnländer, nimmt man den Arbeitern entweder ihren Job, dem Land die bis dato wichtigste Einnahmequelle oder aber siedelt die Herstellung schlicht und einfach nur um. Schafft so zu sagen ein Bangladesch 2.0 mit selbigen Produktions-, Arbeits- oder Lebensbedingungen. Der Produzent denkt: „Vielleicht belässt man alles dann doch lieber beim Alten. Im Grunde ist dies doch ein viel sozialerer Ansatz und kein egoistischer“. Ansatz richtig, Begründung falsch. Der Kunde denkt: „Zahlt man den Arbeitern mehr und vor allem faireren Lohn, steigt dann nicht auch der Warenpreis?“

Hier pocht plötzlich auch mein Gewissen an die Tür: Bin denn ich als Konsument bereit, mehr Geld für Bekleidung auszugeben, die nachweislich fair produziert wurde? Aber was heißt schon fair und wer garantiert für das „nachweislich“… Nur, weil einige Schritte innerhalb eines Herstellungsprozesses unter – nennen wir es – sozial anständigeren Bedingungen entstehen, ist das gute Stück noch lange nicht komplett fair, grün oder macht den Kauf aus sozialer Perspektive vertretbarer. Ja, es muss grundlegend etwas passieren. Nein, das geht nicht sofort. Und das, was sofort ginge, das geht offenbar doch nicht. Schade!

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